„Jedermann“

Mitten im Sommer erleben wir das Musical „Jedermann“ von der Gruppe „Adora“ aus Burgstädt (30.08.09 in der Seelitzer Kirche). Die Geschichte vom Sterben eines reichen Geschäftsmannes wurde bereits im Mittelalter erzählt und von Hugo von Hofmannsthal 1911 in eine Bühnenfassung gebracht.

Das Thema berührt, es ist zeitlos aktuell, aber es stört auch ziemlich. Dieser Jedermann wird mit seinem bevorstehenden Sterben konfrontiert. Und der Zuhörer des Stückes mit der Frage, was würdest Du tun, wenn du noch eine Stunde zu leben hättest? Diese Frage zu beantworten ist fast unmöglich, aber weil wir den eigenen Tod verdrängt haben, kann uns doch sehr viel Wichtiges bewußt werden. Zum Beispiel der Wert der jetzigen Stunde, des jetzigen Augenblickes.

Wie kostbar ist jede Stunde unseres Lebens, das wir oft so verschwenderisch und sinnlos verleben. Den Wert des Augenblickes zu sehen, kann uns auch bewußt machen, mit wie viel Wertlosem und Nichtigen wir unser Leben füllen und das wir anderes, was wirklich wichtig ist vernachlässigen. Zum Beispiel den Wert der Menschen zu sehen, die unser Leben teilen, die uns an die Seite gestellt sind und für die wir Verantwortung tragen.

Noch eine Stunde zu leben. Da geht es nicht darum, nach allen möglichen Strohhalmen zu greifen, um das Leben zu verlängern oder plötzlich an Gott zu glauben, um sich vielleicht mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben über das Unabänderliche hinwegzutrösten. Die Frage nach der Hoffnung auf ein ewiges Leben ist nicht der eigentliche Punkt der Auseinandersetzung. Sie beginnt an einer ganz anderen Stelle. Wie bei dem „Jedermann“, der merken muß, daß er nichts besitzt und nichts und niemanden hat, was ihm Begleitung geben könnte auf diesem furchtbaren Weg in den Tod. Der eigentliche Punkt ist die Auseinandersetzung mit Gott selbst, um den er sich nie gekümmert hat und der ihm nie wirklich wichtig gewesen ist. Jedermann gerät in einen Strudel aus Angst und Verzweiflung.

Aber all dies führt ihn auch in die Auseinandersetzung und in die Zwiesprache mit Gott. Seinen Schöpfer, seinen Richter, aber auch seinen Erbarmer. Vor Gott kann und wird unser Leben nicht bestehen können. In diese notvolle Erkenntnis hinein erreicht uns, „Jedermann“, das Wort von Jesus: Ich bin in die Welt gekommen, damit alle, die mir vertrauen nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben ({bib=Joh 3, 16}).

Wenn wir in unserem Leben Gott begegnen, dann geht es immer um den jetzigen Augenblick. Dann geht es um Schuld und die Möglichkeit, Vergebung zu bekommen. Dann geht es um Dankbarkeit und das Sehen können, wie kostbar das Leben ist. Dann geht es auch um die Liebe Gottes, die wir empfangen und die wir anderen Menschen weitergeben können. Es geht um Vergebung, Dankbarkeit und Liebe in diesem Leben und dann geht es auch um Hoffnung und schließlich auch um Gewißheit, daß uns nichts scheiden kann von der Liebe des himmlischen Vaters, auch das Leid nicht und auch nicht der Tod ({bib=Römer 8, 38-39 }).

Dann können wir Menschen loslassen, die gehen müssen, dann steht auch nicht mehr die Angst im Vordergrund, sondern die Hoffnung, wenn wir selber gehen müssen. Auch wenn es stört, lohnt sich die Auseinandersetzung.

In diesem Sinne wünsche ich uns gute Spätsommertage

Gilbert Peikert